Kommentar: Entwicklerland Sachsen – Wirtschaft

Jetzt ist also auch Bosch da. Für eine Milliarde Euro hat der größte Autozulieferer der Welt gerade ein neues Chipwerk hochgezogen und eröffnet – nicht daheim in Stuttgart und auch nicht in Reutlingen, wo der Konzern bereits seit gut 50 Jahren in einem Werk Halbleiter produziert. Sondern in Dresden.

Es ist kein Zufall, dass sogar die Vorzeige-Schwaben einen wichtigen Teil ihrer Zukunft hier sehen, tief im vermeintlich unhippen Osten der Republik. Sicher, der Bedarf an Jobs mag in Dresden noch höher und das Leben günstiger sein, als auf den Hügeln rund um Stuttgart. Dazu dürfte die Förderung für solche Investitionen üppiger ausfallen. Das alles aber würde nichts nützen, wenn eine entscheidende Voraussetzung nicht wäre: Das hier ist Entwicklerland, nicht Entwicklungsland.

Dresden und ganz Sachsen haben, wie auch Thüringen und Sachsen-Anhalt, eine lange Tradition in der Hochtechnologie. Die mag in München, Berlin, Stuttgart vielleicht noch immer unterschätzt und belächelt werden, doch was hier entwickelt wurde, prägt Deutschlands Wirtschaft seit zwei Jahrhunderten mit: Die erste deutsche Dampflok wurde in den 1830ern in Sachsen gebaut, von hier aus stieg August Horch von den 1900ern an zum Marktführer in der Auto-Oberklasse auf, hier wurde 1932 die erste Kleinbildkamera vorgestellt, und nach dem Krieg trieb Nikolaus Joachim Lehmann an der Technischen Hochschule Dresden die Entwicklung des Computers mit voran.

Alles lange her, natürlich. Aber aus diesem Erbe ist in den vergangenen Jahren Bemerkenswertes entstanden: Dresden beispielsweise ist der inzwischen größte Halbleiter-Standort Europas. Infineon unterhält hier ein Werk, genauso wie der Chipfertiger Globalfoundries und nun eben Bosch, hinzu kommt eine hochspezialisierte Zulieferindustrie. Und die technologische Stärke der Region geht weit über die Landeshauptstadt hinaus. Volkswagen zum Beispiel machte Zwickau zur ersten reinen E-Auto-Fabrik und nicht etwa das Wolfsburger Stammwerk, BMW baut sein erstes reines E-Modell i3 seit 2013 ebenfalls nicht daheim in München, sondern in Leipzig. Und Chemnitz ist bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein Zentrum des Maschinenbaus.

Wer nicht wegziehen wollte, musste sich etwas einfallen lassen

So hat sich die Region in den vergangenen Jahren eine interessante Nische geschaffen: Hier könnten die Teile entwickelt und gebaut werden, die aus den Träumen der Technik-Revolutionäre Realität werden lassen. Elektroautos eben oder modernste Computerchips. Das ist weniger glamourös als die Start-up-Szene in Berlin oder die Silicon-Valley-Konzerne, die gerade ihre Standorte in München kräftig ausbauen. Umso beachtlicher ist der Erfolg, den die Region damit in den vergangenen Jahren geschafft hat – allen Brüchen und Umbrüchen zum Trotz.

Vielleicht sogar auch dank ihnen. Hier haben Krieg, DDR-Planwirtschaft, Wende und die Depression der 90er-Jahre voll zugeschlagen. Wer nicht wegziehen, sondern hier eine Lebensgrundlage haben wollte, musste sich etwas einfallen lassen, sich aus- und fortbilden. Inzwischen haben 95 Prozent aller Sachsen zwischen 25 und 64 Jahren mindestens Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung – im Bundesdurchschnitt sind es nur 87 Prozent. So hat sich die Wirtschaft erholt, langsam anfangs, durch Leuchtturm-Projekte in den großen Städten. Auch dabei gab es Rückschläge, etwa die Pleite des Chipherstellers Qimonda. Unter dem Strich aber hat Sachsen aufgeholt, die Arbeitslosigkeit zum Beispiel liegt in etwa auf bundesdeutschem Durchschnittsniveau, und seit zehn Jahren ziehen mehr Menschen ins Land als fortgehen. Trotzdem warnen Statistiker bereits vor einem absehbaren Fachkräftemangel, vor allem unter den Hochqualifizierten. Man nähert sich also bereits den Schattenseiten des eigenen Erfolgs.

Diese Leistung sollte anerkannt werden, nicht belächelt. Schon lange war die Wirtschaft als Ganzes nicht mehr so in Veränderung wie derzeit: Die digitale Revolution hat gerade erst so richtig begonnen, es entstehen ganz neue Branchen und bisher unbekannte Rivalen, zugleich sollen das Land und die Welt in spätestens 30 Jahren klimaneutral sein. Es gibt viel zu tun, viel zu entwickeln. Wie das funktionieren kann, dafür kann Sachsen ein Beispiel sein.