Apple, Google, Ibm Und Co.: Warum Globale Technologie-giganten Alle Nach München Wollen

  • vonSebastian Hölzle

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Apple kommt, Google baut neu, IBM ist längst da: Technologie-Giganten aus aller Welt haben München für sich entdeckt. Warum zieht es alle an die Isar? Eine Spurensuche.

München – Immer dann, wenn Besucher aus dem Silicon Valley zu Gast im Google-Entwicklungszentrum in München sind, führt Wieland Holfelder seine Gäste in den sechsten Stock des Gebäudes. „Isar Valley“ heißt die oberste Etage bei Google offiziell. Bei klarer Sicht reicht der Blick bis zu den Hochgebirgsketten von Karwendel und Wetterstein. Hier oben erklärt Holfelder seinem Besuch aus Kalifornien dann beiläufig: München sei eigentlich das wahre Mountain View.

Natürlich weiß jeder bei Google, dass Mountain View eine Stadt im Silicon Valley südlich von San Francisco ist, berühmt durch den Firmensitz des Suchmaschinenkonzerns. Aber dort, sagt Holfelder, habe sich längst herumgesprochen: „München hat sich in den vergangenen zehn Jahren zu einem der führenden IT-Standorte in Europa entwickelt.“

IBM und Microsoft schon länger in München, Apple investiert über eine Mrd. Euro

Der Tech-Riese IBM hat das bereits 2016 erkannt, 200 Millionen Euro in München investiert und sich in Nachbarschaft zu Microsoft in die Schwabinger Highlight-Towers eingemietet – mit 114 und 126 Metern Höhe zählen sie zu den wenigen Wolkenkratzern der Stadt. „Wenn wir hier runterschauen und das grüne Umland sehen, nennen wir das scherzhaft ,Silicon Wiesn‘“, sagt Wolfgang Rodler, Chef des IBM-Kundencenters in München.

Im April hat der iPhone-Hersteller Apple angekündigt, in München in den kommenden drei Jahren über eine Milliarde Euro investieren zu wollen. Nahe der Spaten-Brauerei soll ein Zentrum für 1500 IT-Experten entstehen. Apple-Chef Tim Cook klang bei der Ankündigung der Mega-Investition geradezu euphorisch: „Ich könnte nicht gespannter sein auf das, was unsere Ingenieurteams in München noch alles entdecken werden.“ Aber warum ausgerechnet München?

„Der Erfolg Münchens basiert auf zwei Faktoren: Das eine ist die Nähe zur Industrie, insbesondere zu den Autobauern und zum Maschinenbau“, sagt Oliver Falck vom Münchner ifo-Institut. „Zum anderen profitiert München von den drei Hochschulen, insbesondere der TU München.“ Die Unis und Fachhochschulen spülen jedes Jahr tausende Fachkräfte auf den Arbeitsmarkt, das lockt Tech-Konzerne aus aller Welt an die Isar. Zumal München mit „weichen Faktoren“ punkten kann, wie Falck ergänzt. Dazu zähle der hohe Freizeitwert, die Nähe zu Bergen und Seen. Und dank Oktoberfest, FC Bayern und Hofbräuhaus ist München weltbekannt – ein Vorteil beim globalen Kampf um Talente. „München ist mit seinem internationalen Flughafen zudem sehr gut erreichbar.“

München hat sich als IT-Standort weltweit einen Namen gemacht. Links im Bild die Highlight-Towers im Münchner Norden mit IBM und Fujitsu. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich die Deutschlandzentrale von Microsoft.

© picture alliance / imageBROKER

Huawei: Chinesischer IT-Riese in München – „Forscher wollten selten nach Bonn ziehen“

Beispiel Huawei: Die 600 Münchner Telekommunikations-Profis stammen aus 49 Nationen, die Deutschen sind mit 30 Prozent Anteil in der Minderheit. „Es ist relativ leicht, Kandidaten von München zu überzeugen“, sagt Stefan Feuchtinger, Vize-Chef von Huawei in München. Vor wenigen Jahren hatte Huawei die Forschung noch in Bonn, seit 2009 in München. „Wir hatten festgestellt, dass hochkarätige Forscher nur selten nach Bonn ziehen wollten, mit München ist das anders“, sagt Feuchtinger.

Der Boom in der bayerischen Landeshauptstadt spiegelt sich in Zahlen einer Studie von ifo-Forscher Falck wider: Arbeiteten 2012 knapp 90 000 Menschen im Großraum München im IT-Sektor, waren es 2019 fast 120 000. Überraschend: Nicht die großen Namen dominieren, 80 Prozent der IT-Firmen haben weniger als zehn Mitarbeiter – darunter etliche Start-ups.

Dass München zur Gründermetropole wurde, ist auch einer Frau zu verdanken, die gezielt versucht hat, das Silicon Valley zu kopieren. Susanne Klatten, Milliardärin und BMW-Großaktionärin. Um die Jahrtausendwende war Klatten fasziniert vom Gründergeist des Silicon Valley, dort hatten sich rund um den Campus der Universität Stanford Risikokapitalgeber niedergelassen und formten aus Ideen der Studenten Geschäftsmodelle. 2002 importierte Klatten dieses Prinzip nach Garching im Kreis München. „UnternehmerTUM“ heißt ihre Start-up-Schmiede, die drei Großbuchstaben signalisieren die Nähe zur TU München. Jedes Jahr entstehen hier 80 neue Start-ups, geschätzt die Hälfte überlebt die Gründerphase.

Prominentes Beispiel: Celonis. 2011 hat Bastian Nominacher, Sohn einer bayerischen Bäckerfamilie, das Start-up mit zwei TU-Studenten gegründet. Als Software-Optimierer setzt Celonis auf Industriekunden – anders als Start-ups aus Berlin, die meist Endverbraucher im Visier haben. Die Folge: Selbst in München ist Celonis weitgehend unbekannt, obwohl der IT-Spezialist als wertvollstes deutsches Start-up gilt. Investoren bewerten die Firma mit 9,1 Milliarden Euro, was grob dem Wert des Münchner Dax-Konzerns MTU entspricht. Ein Börsengang ist denkbar, Finanzanalysten träumen schon von einem „zweiten SAP“.

Google-Standort in München. In der bayerischen Landeshauptstadt kümmert sich der Konzern unter anderem um seinen beliebten Chrome-Browser.

© Mladen Lackovic/Imago

Die etablierten Firmen goutieren das. „Der Mix aus einer lebendigen Start-up-Szene, Dax-Konzernen und erstklassigen Hochschulen macht München so attraktiv“, sagt Google-Manager Holfelder. Stefan Wagner, Chef der SAP-Forschung in München, nennt den Technologie-Standort ein „vielfältiges und aktives Ökosystem“. Wolfgang Rodler von IBM bekräftigt: „Dass sich hier alles konzentriert, ist ein Riesen-Vorteil.“ München wirke wie ein Magnet.

München lockt IT-Konzerne an – CSU-Größen Stoiber und Söder als Wegbereiter

Eine entscheidende Rolle spiele dabei die Politik, sagt Rupert Lehner vom IT-Branchenverband Bitkom. „Was die Staatsregierung und die Stadt in der Vergangenheit marketingtechnisch gemacht haben, hat den Boom in München unheimlich befeuert.“ Lehner sagt das nicht nur als Bitkom-Funktionär, sondern auch als Chef von Fujitsu in München. Früher hätten sich japanische Firmen in Düsseldorf niedergelassen, sagt Lehner, dann habe der Freistaat in Tokio eine Repräsentanz eröffnet. „Auf einmal wollten alle nach München.“ Der Freistaat fördere neue Technologien seit den 90er-Jahren – unter CSU-Ministerpräsident Edmund Stoiber noch unter dem Motto „Laptop und Lederhose“. „Schaut man sich die aktuelle Hightech-Agenda von Söder an, sieht man, dass sich diese Politik bis heute fortsetzt“, sagt der Fujitsu-Manager.

Söders Plan: 1000 neue Professuren, 13.000 neue Studienplätze, über 20 Spitzenforschungszentren, Förderung von Quantencomputern und Künstlicher Intelligenz. 3,5 Milliarden Euro an Steuergeldern ist dem CSU-Ministerpräsidenten das wert.

Flankiert wird diese Politik durch die Wirtschaftsförderung im Münchner Rathaus. Im Wirtschaftsreferat hat Clemens Baumgärtner das Sagen, der CSU-Politiker unterhält eine Art Spezialeinheit aus etwa 50 Mitarbeitern. Ziel der Truppe: Firmen dazu bewegen, ihr Geld in München zu investieren. „Das sind hochmotivierte Leute“, sagt Baumgärtner. „Von denen lässt keiner um 17 Uhr den Bleistift fallen.“ Das gilt auch für den Chef: Zur Wiesn 2019 traf sich Baumgärtner mit Apple-Chef Tim Cook auf eine Mass im Käfer. Gesprächsthema: Eine Apple-Niederlassung in München. „Dieses erste persönliche Treffen war ein Schlüsselmoment, hier haben sich Braut und Bräutigam zum ersten Mal in die Augen geschaut“, erinnert sich Baumgärtner. Ein paar Monate später macht der Apple-Chef die Milliarde locker – der München-Boom geht weiter.

München wird zum „Silicon Valley“: Bevölkerung droht weiterer Mietpreisanstieg

In Teilen der Bevölkerung löst das Ängste aus. Befeuern die IT-Besserverdiener den Mietpreisanstieg? Müssen einfache Leute bald ihre Wohnung räumen? San Francisco stürzte unter dem Druck des Silicon Valley in eine US-weit beachtete „Obdachlosen-Krise“. Wie schnell die Lage eskalieren kann, zeigt auch Berlin: 2016 wollte Google im alternativen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg einen Start-up-Campus bauen. Es kam zu Protesten, Google zog sich zurück. Gegen den Bau der Tesla-Fabrik bei Berlin gibt es bis heute Widerstand.

Und München? An Hauswänden finden sich Schmierereien wie „Google verjagen“. In den Bezirksausschüssen der Stadt herrscht weniger Polemik. Die kommunalen Grünen beschreiben die Wohnungssituation rund um die Google-Niederlassung dennoch als „extrem angespannt“. Google solle Wohnungen bauen, fordern sie. Jetzt soll ein Runder Tisch die Lösung bringen. Mit Apple droht der nächste Streit.

Ein Beitrag zur Entschärfung der Lage könnte bald von unerwarteter Seite kommen: Vom Nachwuchs der Tech-Branche. Ende Juni will Susanne Klatten in München ein weiteres Zentrum für junge Gründer einweihen, das „Munich Urban Colab“. Start-ups sollen Ideen entwickeln, um das Leben und Arbeiten in Ballungsräumen zu verbessern – mit den Technologien des 21. Jahrhunderts. Die BMW-Erbin nennt den Neubau im Kreativquartier einen „Hotspot für Smart-City-Lösungen“. Werden die Ideen Wirklichkeit, wäre München dem echten Silicon Valley einen entscheidenden Schritt voraus.

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